Gastbeitrag von Prof. Dr. Friedrich Thießen: FMG-Prognosen sind systematisch fehlerhaft

24.04.2013Prof. Dr. Friedrich Thießen ist an der Universität Chemnitz an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften tätig. Für den BUND Naturschutz hat er im Gerichtsprozess um die dritte Startbahn seine Zweifel am Bedarf der Startbahn dargelegt und die methodischen Schwachstellen der Bedarfsprognose aufgezeigt. In seinem Gastbeitrag fasst er seine Kritik an der Prognose von Intraplan für den Flughafen München zusammen.

Das Bundesverwaltungsgericht hat Anforderungen an Prognosen in Gerichtsverfahren konkretisiert (Quelle: BVerwG, U.v. 18.03.2009, 9 A 39.07, Rn. 105 nach juris). Diesen Anforderungen zufolge sind Prognosen lediglich daraufhin zu überprüfen ob sie

- methodisch einwandfrei erarbeitet worden sind,
- nicht auf unrealistischen Annahmen beruhen
- und ob das Prognoseergebnis einleuchtend begründet ist.

Im hier vorliegenden Fall wurde eine Prognose mit einem System erstellt, das sich als sehr komplex erwies. Es gelang weder Parteigutachtern noch Gerichtsgutachtern, vollständigen Einblick in das System zu bekommen. Dies war auch bei früheren Flughafenausbauverfahren der Fall. Wenn aber in ein System kein vollständiger Einblick möglich ist, ist nicht überprüfbar, ob die Methode „einwandfrei“ ist und ob „unrealistische Annahmen“ eingeflossen sind.

Es stellt sich deshalb vor dem Ziel, die Anforderungen des Bundesverwaltungsgerichtes einzuhalten, die Frage, wie man eine Prognose überprüfen kann, wenn das Prognosesystem nicht vollständig überprüfbar ist.

Hierzu kann Folgendes gesagt werden: Es gibt viele komplexe Systeme (insbesondere Computer- und Simulationsprogramme, zu welchen im weiteren Sinne auch das Intraplansystem gehört), welche praktisch nicht vollständig überprüfbar sind, selbst wenn die Ersteller der Systeme vollständigen Einblick gewähren (was hier nicht einmal der Fall ist).

Solche Systeme werden mit Plausibilitätsmethoden und stichprobenweise überprüft. Dabei verzichtet man auf den vollständigen Einblick. Dies stellt eine Gefahr dar, weil man Aspekte übersehen könnte.

Man begegnet dieser Gefahr, indem man größtmögliche Sorgfalt darauf verwendet, dass die untersuchten Aspekte einen unverzerrten Schätzer des Gesamtsystems darstellen. Dies ist für die Plausibilitätsprüfung essentiell. Zum weiteren begegnet man der Gefahr dadurch, dass man nicht nur eine Schätzmethode anwendet, sondern möglichst mehrere, und deren Ergebnisse abgleicht. Das Weglassen einer leicht anwendbaren Plausibilisierungsmethode wäre ein Fehler.

Üblicherweise geht man bei Plausibilitätsprüfungen folgendermaßen vor:

  1. Ist die Methode plausibel? (Man verschafft sich einen groben Überblick, wie die Methode funktioniert)
  2. Welche Ergebnisse hat die Methode bei Anwendungen in der Vergangenheit bei vergleichbaren Fällen ergeben? (Man überprüft die Leistungen der Methode bei ähnlichen Fällen in der Vergangenheit)
  3. Bietet die Methode Raum für Manipulationen? (Man sucht nach Stellen, bei denen der Anwender der Methode opportunistisch vorgegangen sein könnte.)

Auf dieser Grundlage ergibt die Überprüfung des Prognosesystems von Intraplan Folgendes:

  • Das System zur Erstellung der Prognosen ist grundsätzlich plausibel.
  • Die Anwendung des Systems für Prognosen hat in der Vergangenheit schlechte Ergebnisse geliefert. Die Prognosen fielen systematisch zu hoch aus. Vergleichbare Fälle sind solche, bei denen die Auftraggeber Interessen, z.B. an hohen Prognosewerten, hatten. Intraplan hat offenbar im Sinne der Interessen der Auftraggeber die Prognosen verzerrt. Dort wo Auftraggeber keine Interesse an besonders hohen Prognosen hatten, wie z.B. beim Bundesverkehrswegeplan, sind die Ergebnisse offenbar befriedigend (eigene Angaben von Intraplan).
  • Die Methode bietet viel Raum für opportunistische Maßnahmen. Zum Beispiel ist deutlich geworden, dass Intraplan wichtige Details seiner Methode nicht veröffentlicht und auch auf Nachfrage nicht herausgibt. Außerdem gibt es keine vollständige Liste aller Einflussfaktoren, Parameter und Koeffizienten. Zusammen mit der systematischen Verzerrung früherer Prognosen nach oben sind dies überdeutliche Anzeichen für Opportunismus.

Das Ergebnis lautet: Die Prognose von Intraplan kann nicht akzeptiert werden, weil die zulässigen und notwendigen Plausibilitätsüberprüfungen Anzeichen dafür gefunden haben, dass die Anwendung des Prognosesystems systematisch fehlerhaft geschieht.

Friedrich Thießen