Die Region platzt aus allen Nähten

„Die dritte Startbahn ist doch gut für Wirtschaft und Arbeitsplätze“ mag mancher denken. Doch das entpuppt sich als Scheinargument: In der Region Freising herrscht seit Jahren fast Vollbeschäftigung. Und selbst die Flughafen München Gesellschaft (FMG) räumt ein, dass zusätzliche Beschäftigte vor allem aus der weiteren Umgebung kommen müssten, da es diese Arbeitskräfte im näheren Umfeld gar nicht gibt.

Es müssten also in die eh schon aus allen Nähten platzende Flughafenregion noch mehr Menschen ziehen – mit allen negativen Folgen. Verantwortungsbewusste Struktur- und Regionalpolitik sieht anders aus: Sie würde Arbeitsplätze dort schaffen, wo die Menschen sie brauchen: in strukturschwachen Regionen.

Fast Vollbeschäftigung in Freising

Seit Jahren erfreut sich die Region Freising niedrigster Arbeitslosenquoten, kaum eine andere bayerische Region steht so gut da. Der Flughafen hat dafür keine Bedeutung. Die Landkreise Freising und Erding hatten schon lange vor dem Bau des Flughafens eine der niedrigsten Arbeitslosenquote bundesweit. Im Arbeitsamtsbezirk Freising lag die Arbeitslosenquote 1991 – ein Jahr vor der Inbetriebnahme des Flughafens – bei 2,4 Prozent, 2004 bei 4,7 Prozent und im Jahr 2011 bei 2,9 Prozent. Im Oktober 2011 sank die Arbeitslosenquote auf 1,8 Prozent.

Daher plädierte selbst Freisings früherer Oberbürgermeister Dieter Thalhammer dafür, auch an andere zu denken, wenn über Infrastrukturmaßnahmen zu Stärkung der Wirtschaft nachgedacht wird. Denn für Freising stellen zusätzliche Arbeitsplätze keinen Vorteil mehr dar.

Weiterer Zuzug belastet die Region

Angesichts der niedrigen Arbeitslosenquote in den Landkreisen Freising und Erding könnte der Bedarf an neuen Arbeitskräften am Flughafen nur dadurch gedeckt werden, dass weitere Arbeitsuchende in die Region ziehen. Im Landkreis Freising waren 1993 etwa 137.100 Menschen gemeldet,2010 waren es bereits 166.400 Menschen. Das ist ein Zuwachs von 29.287 Menschen, ein Plus von 21 Prozentin nur 18 Jahren. Bis 2030 wird die Zahl der Einwohner wahrscheinlich sogar auf 180.400 zunehmen. Ähnliche Prognosen gibt es auch für die anderen Landkreise der Region und für die Landeshauptstadt.

Ein weiterer Zuzug würde die Region stark belasten. Der Wohnungsmarkt in Freising ist stark angespannt, die Wohnungsnot ist ähnlich hoch wie in München. 
Schon ohne die dritte Startbahn ist es laut Freisings ehemaligem Oberbürgermeister Dieter Thalhammer schon schwierig, hier nachhaltige und sozialverträgliche Lösungen für alle zu finden. Auch der amtierende Bürgermeister Tobias Eschenbacher gibt zu bedenken, der ständige Zuzug belaste die Region. Die dritte Startbahn würde dieses Problem nur verschärfen.

Vernünftige Strukturpolitik sieht anders aus

Niemand gibt eine Antwort auf die Frage, wo in München und im Umland bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden soll und kann. Schon jetzt können sich Leute mit einem durchschnittlichen Lohn die Wohnungen in der Region nicht mehr leisten. Und viele Arbeitsplätze am Flughafen sind dem Niedriglohnsektor zuzuordnen.

Eine vernünftige Strukturpolitik schafft Arbeitsplätze, wo sie benötigt werden, und nicht in einer Gegend, die ohnehin aus allen Nähten platzt. Es gibt andere Regionen in Bayern und Deutschland, die neue Arbeitsplätze viel dringender nötig hätten.