Menschen vor Ort

Im Landeanflug auf den Flughafen München donnern die Jets schon heute in knapp 70 Meter Höhe über die Köpfe der Bewohner von Attaching. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Wenn die dritte Startbahn tatsächlich gebaut wird, passiert das tagsüber etwa alle zwei Minuten.

Lärm kann zu schweren Gesundheitsschäden führen, die Luftverschmutzung im Flughafenumland belastet zusätzlich, die zerstörte Heimat kann einem niemand ersetzen. Doch der Protest vieler Tausend Bürger aus der Region bleibt ungehört. Die Menschen im Freisinger Stadtteil Attaching sollen sogar „abgesiedelt“ werden. Das wollen sich die Menschen nicht gefallen lassen. Sie kämpfen um ihre Heimat: im Aktionsbündnis aufgeMUCkt, mit Schweigemärschen, Gottesdiensten, Parteiaustritten und Demonstrationen.

Attaching: Dorf auf Abruf?

„Absiedlung“: Für die Flughafenplaner nur ein kalkulierbarer Kostenfaktor. Doch für Menschen wie Ludwig Grüll, Adalbert Alschinger und Johann Ziegltrum eine drohende persönliche Katastrophe. Sie wollen sich nicht damit abfinden, für eine überflüssige Startbahn aus ihrer Heimat vertrieben zu werden.

Ludwig Grüll: „Heimat kann man nicht ersetzen“
„Wenn die Startbahn kommt, stirbt das Dorf“, sagt Ludwig Grüll. Um zu zeigen, was den Bewohnern von Attaching droht, nimmt er seine Gäste gerne mit zu einem Feldweg am Flughafenzaun. Im Landeanflug donnern die Jets dort in knapp 70 Meter Höhe über ihre Köpfe. Der Lärm ist ohrenbetäubend. „Wenn tatsächlich gebaut wird, haben wir diese Situation tagsüber etwa alle zwei Minuten“, weiß der 54-jährige Energieanlagenelektroniker. Das Zweifamilienhaus, in dem der Witwer mit seinen Eltern wohnt, läge direkt in der Einflugschneise. Einfach wegziehen will er trotzdem nicht. Grüll ist in Attaching geboren, seine Familie lebt hier seit vielen Generationen. „Die Heimat kann man mir nicht ersetzen“, betont er. Deshalb hofft er, gemeinsam mit den Mitstreitern der Bürgerinitiative Attaching, die Startbahn zu verhindern. An seinem Gartenzaun hängt ein Transparent: „Kerkloh, deine Zeit ist vorbei. Es gibt keine Startbahn 3“. Und wenn Flughafenchef Michael Kerkloh doch am längeren Hebel sitzt? „Zuerst werden die Jüngeren weggehen, später die Älteren«, befürchtet Ludwig Grüll, »Attaching gibt es dann nicht mehr.“

Adalbert Alschinger: „Ich werde zum zweiten Mal vertrieben“
Ein schattiger Sitzplatz unter einer gestreiften Markise – hier, vor seinem Haus sitzt Adalbert Alschinger besonders gerne. Der 71-jährige ehemalige Maurer hat das Haus mit dem holzverkleideten Giebel selbst gebaut. Im Alter von fünf Jahren floh er mit seinen Eltern aus dem Sudetenland und fand in Attaching neue Wurzeln. Er heiratete und bekam eine Tochter, die heute nebenan wohnt. Am Vereinsleben beteiligte er sich immer gerne: Früher spielte er Fußball, heute trifft er sich mit Freunden zum Kegeln oder Schafkopf. „Von der Startbahn werde ich ein zweites Mal vertrieben“, klagt er. Bisher kann er sich den Umzug nicht vorstellen: „Von der Ablösesumme könnte ich mir in Freising eine Wohnung kaufen, doch das, was wir hier haben, kriegen wir nie wieder“, sagt er und deutet auf sein selbst geschaffenes Paradies.

Johann Ziegltrum: „Die Kinder haben keine Zukunft hier“
Vor vier Jahren hat Johann Ziegltrum den Hof am Ortsrand von Attaching an seinen Sohn übergeben. Der baut seither das Getreide an und kümmert sich um die Ab-Hof-Vermarktung: Die Menschen aus der Umgebung kaufen hier Kartoffeln und Eier ein, doch damit wäre es mit dem Bau der Startbahn vorbei, glaubt der 69-jährige Austragsbauer: „Wer kauft schon auf einem Bauernhof, wenn alle zwei Minuten ein Flugzeugdrüberdonnert?“ Noch mehr Angst als vor dem wirtschaftlichen Schaden hat Ziegltrum davor, dass seine Familie auseinandergerissen wird. Von den fünf Kindern leben drei in unmittelbarer Nachbarschaft, sechs Enkel spielen regelmäßig am Hof. Wenn seine Kinder wegen Lärm und gesundheitlicher Gefahren wegziehen, kann er dies verstehen. „Die Kinder haben keine Zukunft hier. Aber wohin sollen wir gehen?“, fragt Ziegltrum. Die Flughafengesellschaft bietet für Haus und Hof den Verkehrswert von 2007 an, „Das ist zu wenig, um ein vergleichbares Anwesen zu kaufen“, sagt er. Doch etwas Hoffnung hat Ziegltrum noch: „Vielleicht zögert sich der Bau noch eine Weile raus, oder wir können ihn doch noch verhindern.“

Das lassen wir uns nicht gefallen

Ist die Gier nach immer mehr, nach einem beständigen „Immer schneller, höher, weiter“ das richtige Rezept für unsere Gesellschaft? Sind die grenzenlosen Wachstumswünsche eines Unternehmens wichtiger als der Schutz von Menschen, Heimat, Natur und Klima?
Der Regierung von Oberbayern scheinen die Menschen bei dieser Frage kaum etwas zu bedeuten: Sie hatte den Bau der dritten Startbahn 2011 genehmigt – und dabei über 80.000 Einwendungen von Bürgern einfach ignoriert. Wer die Erfüllung der Wünsche von Lufthansa und Co für wichtiger hält als Heimat-, Natur- und Klimaschutz, wer Bürgerrechte mit Füßen tritt, der braucht sich nicht zu wundern, wenn die Bürger laut werden und auf die Straße gehen.

Nicht mehr hinnehmbar
„Wir Menschen in der Region haben es satt, ignoriert und verkauft zu werden“, erklärte Freisings früherer Oberbürgermeister Dieter Thalhammer bei einer Großdemo gegen die dritte Startbahn im Oktober 2011 vor 10.000 Menschen in München. Die Stadt Freising sei schon heute stark vom Flughafenlärm betroffen, eine weitere Zunahme der enormen Belastung sei für die Menschen in der Region Freising nicht mehr hinnehmbar. Nicht wir müssen uns anpassen, sonder die FMG muss halt ihren Betrieb anpassen“, erklärt Freisings neuer Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher.

Parteiaustritte aus CSU
Der Bürgermeister von Berglern und Vorsitzende der Erdinger CSU-Kreistagsfraktion Herbert Knur beschloss zusammen mit neun weiteren CSU-Mitgliedern seines Gemeinderates im August 2011, nach 34 Jahren Mitgliedschaft aus der CSU auszutreten. Als Grund nannte Knur, dass sich der CSU-Pateivorsitzende und bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer auf den Bau der dritten Startbahn festgelegt hatte.

Umweltmedaille: mit Dank zurück
2009 bekam ein Freisinger Biobauer vom damaligen bayerischen Umweltminister Markus Söder die Umweltmedaille für besondere Verdienste an die Umwelt verliehen. Im Herbst 2011 schickteder Landwirt die Medaille an Söder zurück – aus Protest gegen Söders Unterstützung für die dritte Startbahn am Flughafen München.
Söder ist als bayerischer Finanzminister auch Aufsichtsratschef der Flughafen München Gesellschaft. Als solcher befürwortet er den Bau der dritten Startbahn im Erdinger Moos. Für den Biobauern ein Unding. Er beklagt, dass Söder zwar von der Bewahrung der Schöpfung rede und eine nachhaltige Politik für Bayerns Bürger proklamiere. Mit der dritten Startbahn unterstütze Söder aber ein Projekt, das die Schöpfung zerstöre und daher mit Nachhaltigkeit nichts zu tun habe.
Der Bauer weiß, wovon er spricht: Sein Familienbetrieb wäre direkt von der dritten Startbahn betroffen. Er sieht die Fortsetzung seiner ökologischen Landwirtschaft in unmittelbarer Flughafennähe bedroht.

Portrait: Ein „Schandi“ muckt auf

Hartmut Binner war in seinem ersten Leben Polizist. Als solcher stand er loyal zum Freistaat – und oft jenen gegenüber, die man heute als »Wutbürger« bezeichnet. Seit aber der geplante Ausbau des Münchner Flughafens seine Heimat bedroht, hat er die Seiten gewechselt. Im Aktionsbündnis AufgeMUCkt kämpft er gegen die dritte Startbahn und bietet der Politik Paroli – im Einsatz für alle, deren Heimat durch die geplante dritte Startbahn bedroht ist. Tatsächlich fühlt sich Hartmut Binner erst heute wirklich als »Diener des Volkes«.

Hartmut Binner war Polizeibeamter – ein „Schandi mit Leib und Seele“, wie er gerne sagt. Sein ganzes Berufsleben habe er auf der anderen Seite gestanden. In Wackersdorf zum Beispiel oder während der Studentenunruhen in München. Richtig wohl habe er sich damals nicht gefühlt. „Ich hab oft gedacht, die da drüben haben ja Recht.“ Aber gegen den Staat rebellieren? Zu diesem Zeitpunkt undenkbar für Binner. Als Staatsdiener war er stets loyal. Eigentlich sei er, wie viele Katholiken in Bayern, „von Geburt an CSU-Wähler“ gewesen. Und wenn ein Otto Wiesheu sagte, es gebe keine dritte Startbahn, dann hat er das geglaubt.

Als es 2005 trotzdem mit den Planungen losging, hat sich Binner mit einem Nachbarn zusammengetan und einen Brief an Edmund Stoiber geschrieben – immer noch überzeugt davon, dass ein sachlich vorgetragenes Anliegen bei »seiner« Partei Gehör findet. „In der Antwort sind wir so was von abgebürschtelt worden! Da habe ich zum ersten Mal gesehen, wie ein Staat reagiert, der völlig von der Wirtschaft abhängig ist.“ Gleich am nächsten Tag wenden sich die beiden Männer voll Wut an die lokale Presse. Und Binner tut gleichzeitig einen Schwur: Nie mehr Schwarz, solange die dritte Startbahn nicht vom Tisch ist!

Zu dieser Zeit ist der Freisinger schon sechs Jahre Pensionär. Zeit hat er also, und Staat und Partei fühlt er sich nun auch nicht mehr verpflichtet. Er schließt sich dem Aktionsbündnis AufgeMUCkt an, das sich schon seit 2002 gegen die Nachtflugregelung am Münchner Flughafen wehrt. 2006 wird er einer von fünf Sprechern der Initiative und organisiert gemeinsam mit den heute über 70 beteiligten Gruppen Schweigemärsche, Radlwallfahrten und Diskussionsrunden. Nimmermüde touren er und seine Mitstreiter mit einem Fluglärmsimulator von Entscheidungsträger zu Entscheidungsträger. „Es gibt wohl kaum einen Minister, bei dem wir nicht waren“, sagt er und lacht. Da gibt es ein ungeschriebenes Gesetz in Freising: Wenn ein Politiker zu Besuch kommt, darf er die Stadt nicht unbehelligt wieder verlassen. Und wenn Binner doch mal die Zuversicht ausgeht, telefoniert er mit Christine Margraf vom BN. „Die findet immer die richtigen Worte“, sagt er. Überhaupt sei der Verband der wichtigste Partner im Kampf gegen die dritte Startbahn geworden. „Ohne ihn wären wir im Widerstand nicht da, wo wir heute sind.“

Nur reden, reden wollen er und die anderen AufgeMUCkt-Sprecher jetzt nicht mehr so viel. „Gemeinsam mit dem BN haben wir in zwei Verfahren rund 85 000 Einwendungen für das Planfeststellungsverfahren eingereicht“, sagt er. Keine einzige davon habe die Regierung von Oberbayern im Planfeststellungsbeschluss berücksichtigt. Und das macht Hartmut Binner „stocknarrisch“. Der Bürger werde missachtet und nur kurz vor der Wahl als Stimmvieh missbraucht. „Wir werden angehört, aber nicht gehört.“

Nachdem sich Horst Seehofer auf die dritte Startbahn festgelegt hat, müsse sich der Widerstand vor allem um jene bemühen, bei denen noch Hoffnung besteht, sagt Binner – und zaubert eine seiner Metaphern hervor. „Der ganze Widerstand ist ein Mosaik, an dem wir arbeiten. Jedes Gespräch, jeder Brief ist ein Steinchen.“ Das klare Nein der Kirche zum Verkauf ihrer Grundstücke im Erdinger Moos bezeichnet er als „ganzen Backstein“. Denn, dass sich der Staat die Flächen mittels Enteignung holt, hält er für unwahrscheinlich: „Da würden die Uhren in Bayern rückwärts laufen!“

Ein großer Mosaikstein war der Bürgerentscheid in München, der mit deutlicher Mehrheit gegen die dritte Startbahn ausgegangen ist. Binner und seine Mitstreiter von „aufgeMUCkt“ haben sich in München mächtig engagiert und mitgeholfen. „Wir sind den Münchner narrisch dankbar“, sagt Binner. Dass CSU und FDP das Bürgervotum aber nicht akzeptieren wollen und die Staatsregierung den Bau nach wie vor verfolgt, ärgert Binner sehr. Doch „der Widerstand steht nach wie vor“.